Depeche Mode – DELTA MACHINE – Album Launch Event, Music Quartier, Wien – Austria

Wenn Depeche Mode rufen, pilgern die Fans aus ganz Europa zu ihren Göttern. Egal, wo die Könige des Synthiepop zur Audienz bitten. Nachdem es die Pressekonferenz im Oktober in Paris war, wurde die Reisekasse der Devotees ein weiteres Mal auf die harte Probe gestellt. Es galt nach Wien zu reisen. Im wunderschönen Wiener „Museums Quartier“ (MQ) wurde auf Geheiß von Electronic Beats ein s.g. Album-Launch-Event abgehalten. Was immer das zu bedeuten mag. Laden Depeche Mode zum Platte hören oder sollten sie doch wahrhaftig die Bühne betreten? Letzteres war zum Entzücken von 1500 Die-Hard-Fans und Gewinnern aus diversen Verlosungsaktionen quer über den Kontinent verteilt, der Fall.

Das der Wettergott es mit einer Handvoll hartgesottenen nicht so gut meinte, war völlig egal. Bei für Ende März nahezu unnatürlichen -4°Grad fanden sich bereits morgens vor zehn Uhr die ersten Fans am Eingang zum MQ ein, um die besten Plätze zu ergattern. Ob nun am Konzertabend oder doch im Wartezimmer des Hausarztes in den nächsten Tagen, bleibt unergründet. Wenn man bedenkt, dass der Einlass für 19.30Uhr angekündigt war und es nicht mehr als 1500 Zuschauer werden sollten an diesem Abend war es aus meiner Sicht unnötig, sich die Beine in den Bauch zu stehen.

Als sich am Abend die Türen öffneten wurde der Blick frei auf eine für mich schönsten Konzertlocations, welche ich bisher gesehen habe. Die Halle E im MQ ist die größte Halle und bietet mit seinem großen Innenraum und den wunderschönen Wandverzierungen den Rahmen für unzählige Veranstaltungen. Ob Oper, Rock oder Popkonzert oder auch Theater oder Tanzveranstaltungen findet in diesem Stilvoll gehalten Saal statt.

Da ich mich mit sehr vielen Dingen schwer tue, was sich im Fahrwasser von Depeche Mode bereichern will, war der Opening Act Michal Matejcik eine Nervenprobe für mich. Ein Harfenvirtuose irgendwo aus  der Slowakei. Mein Fall war es definitiv nicht. Auch wenn viele der anwesenden Depeche Mode-Fans lauthals die interpretierten Stücke mitsangen, sprang bei mi r der Funke nicht über. Alles wurde mit den Harfensaiten kleingeschnitten und es blieb für mich nicht mehr übrig als bei meiner Oma nach dem Kartoffelschälen. Dementsprechend blieb bei mir auch die Traurigkeit aus, als Matejcik fertig war.

Nach einem kurzen DJ-Set, welches mit Sicherheit wieder von Martin Gore erstellt wurde, war es um 21.00Uhr dann soweit. Depeche Mode gaben knapp drei Jahre nach dem fulminanten Tourabschluss in Düsseldorf ihre Livepremiere auf dem europäischen Festland. Und das hatte sich gewaschen. Dave Gahan sieht besser aus, als in den letzten zwanzig Jahren, Martin Gore hat nach der letzten Tour noch mehr abgespeckt und Andy Fletcher war da. Dafür hat aber Christian Eigner längere Haare bekommen und kräftig sich in Zeug gelegt, nicht mehr alles gnadenlos mit den Becken seines Drumkit, auf das Phil Collins früher neidisch geworden wäre, zu zerfleischen. Eröffnet wurde der Abend mit „Angel“ von neuem Album „Delta Machine“, welches Europaweit ja erst offiziell am Folgetag (in Deutschland bereits am Freitag 22.03.2013) erscheinen sollte. Und man muss seinen Hut ziehen. „Angel“ rockte die Halle weg. Soviel Rock n‘ Roll hat man sich schon immer gewünscht. Dave Gahan tanzt über die Bühne wie ein junger Gott und holt alle Poserposen aus der Schublade, die ihm einfallen. Diesem Mann sieht man seine 51 Jahre und sein Leben einfach nicht an. Definitiv ist das ein anderer Dave Gahan als der, der Tage davor beim ECHO in Berlin und am Vortag bei „Wetten Dass…?“ aufgetreten ist. Der Dave Gahan im MQ strotzt nur so vor Vitalität. Das Set kam mir zwar etwas uninspiriert und runter gespielt vor, hatte aber deutlich mehr Dampf, als die gesamte letzte Tour aufgebracht hat. „Walking in my shoes“ in einer etwas veränderten Version hat mich wirklich begeistert. Kam es mir doch in den letzten Jahren so vor, als wenn Depeche Mode den Track live immer langsamer spielen, war er diesmal so Kraftvoll und schnell, als wenn der Duracell-Hase den Takt vorgibt. Als weitere Überraschung gab es erstmals nach 1998 mal wieder „Barrel of a gun zu hören“. Meine Gebete wurden erhört. Es gibt einen Gott und der stellt die Playlist bei Depeche Mode zusammen.

Sehr gut kamen die Stücke vom neuen Album, welches ja im Vordergrund stehen sollte, rüber. Das wunderbare „Should be higher“, aus der Feder von Dave Gahan, kann man als musikalischen Höhepunkt in der Karriere von Depeche Mode bezeichnen. Dave Gahan kippt seine Stimme so gekonnt, als wenn er sich gerade mitten im Stimmbruch befindet. Schon in der Albumversion bereitet der Track Gänsehaut. Live noch viel mehr. „Heaven“ wurde mit einem wunderbaren Backingvideo untermalt. Man denke sich im Musikvideo die Szenen mit Depeche Mode weg, in schon hat man es zusammen. Man versinkt in einer Fabelwelt in tiefer Nacht. Das lenkt dann auch von dem tragenden Song ein wenig ab, den Depeche Mode wohl nur zur Untermalung des Videos angestimmt haben müssen.

Dass Depeche Mode rocken können, hatten sie ja eingangs bereits bei „Angel“ bewiesen. Dass sie aber auch rockig rotzig sein können, beweisen sie mit „Soft touch/Raw nerve“. Es klingt nach Roxy Music als die noch gut waren und nach Bowie und Iggy Pop. Die alten Herren Gahan und Gore werden munter. Und es macht Spaß! Wenn sie im Sommer die Stadien entern wird es ein Fest werden. Und natürlich durfte kurz vorm Finale „Soothe my soul“, die kommende Single nicht fehlen. Ebenso, wie alle neuen Stücke, brennen sie die Tracks in die Gehörgänge und man kann sich nicht erwehren, zu tanzen. Würden Depeche Mode die Energie der neuen Stücke aufs Album projizieren, hätten sie einen Meilenstein geschaffen. „Soothe my soul“ hat live alles, was man sich wünschen kann. Kraft, Tempo und animiert zum mit klatschen. Das beste Instrument für Dave Gahan, die Massen anzuheizen.

Bei so viel Qualität nimmt man dann auch zur Kenntnis, dass Depeche Mode an diesem Abend kaum noch was falsch machen können. Klassiker mischen sich mit Neugeborenem. Selbst Martin Gore’s Soloauftritt mit „Only when i lose myself“ kann den Abend nicht trüben.

Nach gut fünfzig Minuten ist für alle der Traum vorbei und Depeche Mode verziehen sich von der Bühne, nachdem Dave Gahan nur ein knappes „See you soon“ ins Mikro brachte. Ich persönlich dachte, da wäre mehr drin. Vielleicht doch noch ein neues Stück mehr oder doch auf Nummer sicher „Never let me down again“ hätte es sein können. Als kleinen Dank an die Fans, die sich den Strapazen ausgesetzt haben nur um die Götter zu sehen. Für alle Fans hat es sich trotzdem gelohnt. Sie waren dabei, wie Depeche Mode einen kleinen Saal gerockt haben. Für mich hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Habe ich doch gut dreißig Jahre auf so einen Abend gewartet. Und in Anbetracht des Alters von Depeche Mode muss man sich fragen, ob man nochmal die Gelegenheit bekommt, sie in so einem Rahmen zu sehen. Auch wenn Gahan jüngst verkündet hat, dass Depeche Mode noch lange nicht fertig sind. Nach der anstehenden Tour kann das schon ganz anders aussehen. Aber da reden wir dann erst in eineinhalb Jahren von.

Setlist

01. Angel
02. Should Be Higher
03. Walking In My Shoes
04. Barrel Of A Gun
05. Heaven
06. Only When I Lose Myself (Martin)
07. Personal Jesus
08. Soft Touch/Raw Nerve
09. Soothe My Soul
10. Enjoy The Silence

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